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Scarlett O' - vorgestellt von Ken Hunt

Falls Sie es gleich wissen wollen: die heutige Scarlett O' ist nicht weniger als ein Blauer Engel. Im Gegensatz zu Marlene Dietrich, die auf Josef von Sternbergs Filmbühne s t a n d, um Emil Jannings Ego zu verführen, s c h w e b t Scarlett O' zwecks Verführung Ihrer Ohren. Selber eine kleine Schauspielerin von Sängerin, hat Scarlett O' eine Stimme, die ohne Kunstgriffe auskommt und Gläubige zu Ketzern werden lässt. Da haben Sie es, so einfach ist das. Sie hat die Kraft zu verändern.

Scarlett ist ein Naturtalent, eine vollendete Interpretin nicht nur deutscher Chansons (die Deutschen haben das Wort wie wir entlehnt), sondern auch des Folksongs, der Moritat, des Liedes und des Kabaretts. Diese vokalen Schauer, zu finden auf ihren Studioaufnahmen, spürt man gleichfalls, wenn sie auf der Bühne singt. Hört man Scarlett live, merkt man sofort, dass keine dieser sich aufschwingenden Noten und artistischen Höhenflüge mittels schikanierter Computer zurechtgedoktort wurde. Nichts muss im Mix zurechtgebastelt werden, alles ist echt. Ihre Stimme ist das Ergebnis eines Lebens, das mit Singen verbracht wurde, ein Leben verwoben in Lieder.

In der besten Tradition des Kabaretts (der deutschen, etwas abgebrühteren Variante des Cabaret) war es nicht nur verpönt, alte Songs umzuschreiben (außer zu satirischen Zwecken). Nicht nur das, es war tabu. Ein Lied musste etwas Neues sein, nicht nur etwas Wiedergekäutes oder Aufpoliertes. Songs Leben einzuhauchen - Scarlett O' tut es instinktiv. Selbst wenn sie ein altes oder alt klingendes Lied singt, vibriert es voller neuer Einsichten. Ihre besten Interpretationen gestalten die Songs völlig neu, egal ob sie nun in das Libretto von "My Fair Lady" eintaucht, ein Häppchen von "Ton Steine Scherben", Element of Crime, Wenzel oder Heymann nimmt, eine Arie von Leoncovallo singt oder die Sinnlosigkeit des Krieges, das Abschlachten eines faulen Taugenichts von Ehemann, ein lesbisches Paar, das ein Kind bekommt, zum Thema macht (während dem Moderatoren Gedanken an den Tag durch den Kopf rasen, an dem die beiden ihrem Kind das kleine Wunder wohl werden erklären müssen). Ihre Lieder machen nachdenklich.

Der englische Liedermacher und Meister des englischen Chansons, Robb Johnson, ist einer ihrer Bewunderer: "Scarlett O' ist eine dieser seltenen Sängerinnen, die nicht nur ihre Tradition Note für Note kennen, sondern auch wissen, wie man sie singt, ohne sie zu einer kurios-nostalgischen Übung verkommen zu lassen oder ihr gar mit wortgewandter Modernität die Bedeutung zu nehmen. Wenn Scarlett singt, hat das Kabarett eine lebendige Stimme, ist es zeitgenössische Kunst; durch sie wird Kabarett wieder genauso aufregend und kraftvoll, gefühlvoll und intelligent (und nicht zuletzt absolut unterhaltsam) wie im Jahre 1933."

Die zukünftige Scarlett O' stieß ihren ersten Schrei in Strausberg aus, nicht weit entfernt von Berlin (auf der Ostseite) im Jahre 1957. Sie wuchs in Buckow auf, ebenfalls in der DDR. Neunzig Jahre vor ihrer Geburt hatte die Eisenbahn Buckow erreicht und mit der Hauptstadt verbunden, so dass es möglich war, in wenigen Stunden von Berlin zu den Buckower Seen und sanften Hügeln zu gelangen. Der Ort wurde schnell zu einem Ausflugsziel und zog auch Literaten wie Theodor Fontane, der Buckow bekanntermaßen in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" festhielt, und Adalbert von Chamisso an. Nach der Rückkehr aus dem US-Amerikanischen Exil ließen sich der Schriftsteller Bertolt Brecht und die Schauspielerin Helene Weigel in Buckow nieder.

Kurz gesagt, Buckow hatte einen künstlerischen Touch. Schon 1863 kommentierte Fontane, der Name habe einen guten Klang (aber genug der literarischen Anspielungen). Es war jedenfalls ein guter Ort, um künstlerische Neigungen zu nähren und zu entwickeln. Hier bekam Scarlett eine solide, wie vielseitige musikalische Basis, die von Kirchenmusik zu Folk, von leichten klassischen zu sozialistischen Liedern reichte; hier lernte sie die nötige Disziplin und entdeckte Spaß und Freude an Gesang und Musikmachen. Zwischen 1973 und 1976 erlernte sie einen Bauberuf in dem östlicheren der beiden Frankfurts - Frankfurt an der Oder - und studierte von 1976 bis 1981 Bauwesen in Cottbus. Diese Region ist das Ursprungsgebiet der Sorben oder Wenden, Deutschlands einheimischer slawischer Minderheit, einer Kultur, die von der Zeit, Deutschland, und dem Rest der Welt vergessen wurde (falls sie überhaupt jemals von ihr Kenntnis genommen haben).

Es war kein Zufall, dass Scarlett 1978 Gründungsmitglied der Gruppe "Wacholder" wurde, die sich zu einem von Ostdeutschlands einflussreichsten (wenn nicht gar geselligsten) Folkensembles entwickeln sollte. Man übertreibt nur wenig, wenn man sagt, dass ganze Horden durch 'ihre Reihen marschierten', allerdings auch nicht mehr als etwa bei "Fairport Convention" und Pete Frame's berühmtem Fairport Confusion Familienstammbaum. Wacholder überstand die massiven Umwälzungen der nächsten Jahrzehnte, bevor man sich 2001 verabschiedete. 1980 wurde Scarletts Tochter Rebekka geboren. 1986 wurde das noch geteilte Berlin ihr Zuhause.

1998, drei Jahre vor dem Ende von Wacholder, hatte Scarlett sich mit ihrem ersten Soloprogramm unabhängig gemacht, einem Liederabend unter dem offensichtlich unsinnigen, aber doch fesselnden und, durchaus passend, wundersamen Titel "Zum Beispiel Nilpferde". Überschrift und Repertoire fanden sich auf ihrem ersten Soloalbum wieder. (Das Coverfoto wurde rein zufällig am Brecht-Weigel-Haus in Buckow aufgenommen.) Im nächsten Jahr stand Scarlett mit "In Hamburg lebten zwei Ameisen" auf der Bühne, gefolgt von "Round the Bend" und "Das muss ein Stück vom Himmel sein" im Jahr 2000. Letzteres Programm mit Kompositionen des berühmten deutschen Filmkomponisten Werner Richard Heymann (für das dessen Tochter Elisabeth das Familienarchiv öffnete) führte zu Scarletts zweiter Solo-CD, "Das muß ein Stück vom Himmel sein" (2000).

In DDR-Zeiten waren Schallplattenaufnahmen nur mit staatlicher Erlaubnis, unter Zensur und Bürokratie möglich. Liederabende stellten nicht nur einen Ersatz für Aufnahmen dar, sie waren oft das einzig Mögliche. Selbst nach dem Fall der Mauer behielten sie ihre Bedeutung. Für Scarlett ein Forum, sich mit neuen Programmen selbst zu beweisen. Was immer auch noch in der Welt herum passiert war, das Format funktionierte, und es gab keinen Grund, etwas daran zu ändern. Jedes Konzert verändert und verfeinert das neue Werk, ein Prozess, der jedes Liederprogramm "auf der Straße" testet, ob es nun im Studio für die Nachwelt erhalten werden soll oder nicht. Das bedeutet auch, dass Live-Auftritte ein Eigenleben führen können, unabhängig vom üblichen Aufnahme- und Werbezyklus (oder vielmehr -karussell).

Musikmachen braucht kein kalkuliertes Denken, keine 'neue Ware', auf die man hinarbeiten muss. Das war DDR-typisch, ein Charakterzug wenn man so will, eine Tradition, die Gina Pietsch, Barbara Thalheim und eben Scarlett O' in die Gegenwart mitgenommen haben. Liederabende wie "Round The Bend" und "Das muss ein Stück vom Himmel sein" haben zu Scarletts Standard-Repertoire beigetragen, werden auch kontinuierlich wiederaufgegriffen, während jahrein, jahraus ein oder mehrere neue Programme dazukommen. So erst kürzlich "Das gibt's nur einmal" (2001) und "Männerlieder" (2002), das letztere glorreich den uralten Tücken des Mann-Seins gewidmet, mit voller Unterstützung von Jürgen Ehle, dem Gitarristen der Rockband "Pankow".

Chanson ist ein Synonym für Lieder mit Tiefgang, wofür Scarlett mit ihrer gesamten, beeindruckend vielschichtigen Karriere steht. Das ist auch ein Grund, warum die CD von Scarlett O' und Jürgen Ehle "Fast mit Neid" (2003) etwas Besonderes ist. Im August 2003 gewann sie den hochbegehrten Preis der deutschen Schallplattenkritik für das dritte Quartal 2003.

In Scarlett O's unvergleichlichen Interpretationen vereinigen sich die großen Stimmen des deutschen Chansons - was Vergangenheit zugänglich und Gegenwart zum Träger der Zukunft macht. Das von ihr ausgewählte Material konfrontiert die Zuhörer mit Liedern, die immer noch jene hartnäckig verknoteten, unauflösbaren Fragen aufwerfen, die uns ganz sicher begleiten werden solange wir leben. Natürlich klingen die Worte von Brecht, Goethe, Heine, Heymann, Kästner, Ringelnatz, Tucholsky auch in gedruckter Form nach, ihre Bedeutung ist ungebrochen. Sie profitieren aber ungemein davon, wenn jemand ihnen seine Stimme leiht und ihnen neues Leben einhaucht. Glauben Sie mir, alte Songs lieben es, wiederbelebt zu werden, wie alt sie auch sein mögen.

Natürlich singt Scarlett die meisten Lieder auf deutsch. Das ist mittlerweile kein Grund für Vorurteile mehr. Sie ist eine Weltklasse-Sängerin, fähig, das Publikum um den Finger zu wickeln, egal ob es nun Deutsch (oder Englisch, Französisch und Russisch in ihrem Fall) versteht oder nicht. Was zählt, ist die Leidenschaft der Präsentation und das Schauspielerische - wenn es nötig ist. In Zeiten der Not wird ein Blauer Engel erscheinen. Scarlett O' ist ein blauer Engel unserer Zeit.

Ken Hunt, Dezember 2003

P.S.: All das Gerede von scharlachrot und blau (scarlet and blue), die Mischung aus UFA und Hollywood, mag erfunden erscheinen. Scarlett ist aber ihr richtiger Name und (um Sie in ihre Familiengeschichte einzuweihen) "Vom Winde Verweht" stand damals auf dem Programm - als Mama ins Kino ging.

update, Dezember 2009:

 “The most sensuous voice ever to emerge from Germany. ... Her ability to both growl and hit the highest of notes and her emotional and intellectual grasp of her material is positively scary.”

sinngemäß:

“Deutschlands sinnlichste Stimme. ... Ihre Fähigkeiten – vom Knurren bis zum Treffen der höchsten Töne – und die Art und Weise, in der sie ihr Material emotional und intellektuell im Griff hat, sind regelrecht unheimlich.” – Rough Guide to World Music (2009), Seite 168  
 

Ken Hunt ist der Autor des deutschen Kapitels der zweiten und dritten Ausgabe des "Rough Guide to World Music" (1999 und 2009). Er hat auf Englisch und Deutsch über die Wurzeln der deutschen Musik für verschiedenste europäische und nord-amerikanische Publikationen geschrieben, von fRoots zu Mojo, von Folker! zu Penguin/Eggs (Penguin/Viking) sowie auf mehreren Radio- und Fernsehsendern über das Thema berichtet.

aus dem Englischen übertragen von Johannes von Billerbeck und Jürgen Ehle
Den Originaltext finden sie hier. >>>

  Ken Hunt

 
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